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Warum du Mitarbeiter nicht wie Kinder behandeln solltest

4 Minuten Lesezeit - von Dr. Jessica Lange

Die jährliche Gallup Studie führt in den letzten Jahren immer wieder zu ähnlichen frustrierenden Ergebnissen: Zwei Drittel der Beschäftigten leisten Dienst nach Vorschrift und fühlen sich an ihren Arbeitgeber kaum emotional gebunden. Dadurch wird ein Produktivitätspotenzial von etwa 100 Milliarden Euro in der Volkswirtschaft nicht ausgeschöpft. Auch eine Studie der AOK aus 2018 zeigt auf, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Wohlfühlen im Job und Krankheitstagen besteht. Ohne ein Wohlfühlen meldet sich ein Mitarbeiter im Durchschnitt mehr als doppelt so häufig krank. Woran kann diese Unzufriedenheit liegen und wie kannst du dem entgegenwirken?

Unmündige Mitarbeiter… wirklich?

Was denkst du was deine Mitarbeiter so außerhalb des Büros nach Feierabend oder am Wochenende machen? Hilflos warten bis sie endlich wieder ins Büro können, um dort richtig geführt zu werden, weil sie ansonsten gar nicht wüssten, wie sie sich selbst organisieren können oder Ressourcen sinnvoll einsetzen?

Zugegeben die Frage ist fies gestellt, aber in der Regel arbeiten in Unternehmen erwachsene, mündige Menschen, die Familien gründen und managen, Häuser bauen und einrichten, sich täglich versorgen und sogar für die Zukunft vorsorgen. Warum wird diesen Menschen, sobald sie das Betriebsgelände oder Büro betreten, dann diese Mündigkeit abgesprochen? Obwohl sie längst durch die kindliche Sozialisierungsphase hindurch sind, werden sie entmündigt, dürfen kaum eigene Entscheidungen treffen, bekommen Aufgaben ohne Mitspracherecht zugeteilt, werden auf Schritt und Tritt kontrolliert und mit verschiedenen betriebswirtschaftlichen Erziehungsmethoden traktiert. Dass das zu Unzufriedenheit führt, wundert bei dieser Gegenüberstellung also kaum.

Führung vs. Fürsorge?

Oftmals wird eine entmündigende Führung sogar mit Fürsorge für die Mitarbeiter begründet. So wird beispielsweise bei VW um 18 Uhr der Mailserver abgeschaltet, um die Mitarbeiter vor ständiger Erreichbarkeit zu schützen. Wenn du deine Mitarbeiter zur Eigenverantwortung entwickelst, können sie selbst entscheiden, wann sie sich belastet fühlen oder ob es nicht vielleicht auch entlastend sein kann, eine Sache noch vom Tisch und damit aus den Gedanken zu haben. Eigenverantwortung bedeutet auch für die eigene Gesundheit und das eigene Wohlbefinden Verantwortung zu übernehmen. Eine Führungskraft soll dies ermöglichen, aber nicht vorschreiben.

Warum neigen nun Führungskräfte dazu Mitarbeiter zu entmündigen und wie Kinder behandeln? Meistens besteht die Ansicht, dass zu große Freiräume zu Anarchie und damit Chaos führen. Der böse Mitarbeiter würde jede Lücke im Kontrollsystem, jedes Vertrauen gnadenlos ausnutzen. Denkst du auch so? Dahinter steckt ein negatives Menschenbild. Wir übertragen unsere Ansicht und inneren Wertemodelle auf unsere Wahrnehmung und lösen damit bei unserem Gegenüber – zumindest wenn dieser sich in unserem Machtbereich befindet – das erwartete Verhalten aus.

Wenn du mal an deine Jugend zurückdenkst, wie war dein Verhältnis zu deinen Eltern in der Pubertät? Hast du jede Erziehungsregel befolgt? Denn Sinn dahinter verstanden, obwohl er dir nicht verdeutlicht wurde? Lieber auf deine Eltern gehört, weil sie es besser wussten? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich gab es in dieser Zeit eher häufiger mal Krach, die Türen sind geflogen und man hat stets versucht, Regeln zu brechen und sich selbst auszutesten. War zumindest bei mir so. Und auch wenn mir vor dieser Zeit bei meinen eigenen Kindern schon graut, so ist diese Phase wichtig, um mündig zu werden, Verantwortung zu übernehmen und eigene Entscheidungen zu treffen und mit deren Folgen zu leben.

Warum aber leisten dann viele Mitarbeiter im betrieblichen Umfeld so wenig – zumindest aktiven - Widerstand, wenn ihnen diese Mündigkeit wieder abgenommen wird? Weil uns diese Entmündigung oft gar nicht mehr auffällt, weil viele es nicht anders gewohnt sind, im betrieblichen Miteinander gar keinen anderen Umgang kennengelernt haben. Und die, die es anders kennengelernt haben und einen anderen Umgang fordern, werden als schwierige Mitarbeiter und Querulanten abgetan, die man versucht wieder loszuwerden.

Kita-Alltag im Büro

Eine Gewöhnung an Entmündigung führt bei deinen Mitarbeitern zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Sie benehmen sich irgendwann auch entmündigt, also wie Kinder. Und was machen Kinder, wenn sie eigentlich keinen Bock haben oder Dinge nicht verstehen? Sie versuchen das System zu umgehen, lügen, schreien und meckern, weinen oder zerstören Gegenstände. Zu solchen infantilen Mitteln greift ein erwachsener Mensch natürlich nicht. Deine Mitarbeiter wählen subtilere Möglichkeiten diese Zwangssituation auszuhalten oder zu umgehen. Sie melden sich krank, machen also „blau“, weil sie ohne gegenseitige Wertschätzung ohnehin kein schlechtes Gewissen haben müssen. Sie meckern im Kollegenkreis und ziehen die Stimmung in deinem Team herunter, was übrigens im schlechtesten Fall sogar Multiplikatoreffekte ins gesamte Unternehmen haben kann. Schlechte Stimmung und negative Nachrichten stecken genauso an wie ein Grippevirus. Nicht umsonst sind unsere Medien voll davon. Sie kündigen innerlich, sitzen nur ihre Pflicht ab ohne ihr Potenzial für das Unternehmen einzusetzen. Solche Mitarbeiter sagen keine Termine für Meetings zu, wollen sich nicht weiterbilden, sind nie länger oder früher da und bleiben freiwilligen Veranstaltungen wie Betriebsfeiern grundsätzlich fern. Andere Mitarbeiter, die eher zu aktivem Widerstand neigen aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur, äußern ihren Unmut vielleicht sogar direkt dir gegenüber. Hier solltest du zuhören. Natürlich sind Beleidigungen nicht in Ordnung, aber trotzdem steckt in jedem Meckern auch ein Fünkchen Wahrheit. Wenn du dieses Meckern also mal untersuchst, kann es dich dazu bringen, dich als Führungskraft weiterzuentwickeln, denn niemand ist perfekt, kann aber perfekter werden. Wenn du diesen Menschen hingegen nicht zuhörst, werden sie gehen. Früher oder später. Und bei der aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt eher früher. Manch einer freut sich den Unruhestifter endlich losgeworden zu sein und wundert sich nach einiger Zeit, dass die Stimmung immer noch nicht besser wird.

Aus psychlogischer Sicht kann eine solche entmündigende Führung sogar als Mobbing verstanden werden. Aus Angst vor einer Bestrafung (hier eine negative Beurteilung, Abmahnung oder Kündigung) lässt der Mitarbeiter dieses über sich ergehen und kommt in eine Opferrolle. Aus einem Angstgefühl kann keine Produktivität und positive Motivation entstehen. Zudem können bei deinen Mitarbeitern sogar ernsthafte Krankheiten wie Depressionen oder Burnout ausgelöst werden.

Beta-Typen

In der heutigen modernen Führung sind also nicht Alpha-Tiere, sondern Beta-Typen gefragt. Es geht nicht um Macht und Mega-Ego, sondern darum deine Funktion als Führungskraft im Unternehmen richtig zu verstehen. Als Führungskraft dienst auch du dem Unternehmenzweck, der allgemeinen Zielsetzung deines Unternehmens. Hast du dich bisher schon so gesehen? Du sollst diese Zielerreichung ermöglichen, mit deinem Team und nicht als Einzelkämpfer, der alles an sich reißt und alleine entscheidet. Dein Job als Führungskraft ist es, dein Team zu coachen und die Rahmenbedingungen richtig zu setzen, damit dein Team diese Ziele erreicht – und ihr dann gemeinsam als Team diesen Erfolg feiern könnt. Gemeinsame Partys statt Machtgehabe und Hierarchiekampf, klingt besser, oder?

Den richtigen Rahmen setzen

Als Führungskraft sollst du also einen Rahmen setzen und deine Teammitglieder befähigen innerhalb dieses Rahmens selbstständig – denn sie sind ja erwachsene Menschen, die ihr Leben anscheinend auf die Reihe bekommen- im Sinne der Unternehmensziele zu handeln.

Vielleicht lohnt es sich auch über den Begriff des CEO mal neu nachzudenken, ihn mit neuem Leben zu füllen. Statt Chief Executive Officer könnte man diesen auch mit „Ermöglichung“ füllen, Chief Enabling Officer. Dein Team befähigen ihren Job zu erledigen, mit Spaß, Engagement und Produktivität. Ein Win-Win, alle haben Bock sich für die Sache zu engagieren und du hast mehr Zeit, weil du weniger kontrollieren musst. Zeit, die du für andere Projekte im Unternehmen oder auch mal für dich nutzen kannst.

Einfach einführen und üben kannst du dies bei der regelmäßigen Mitarbeiterbeurteilung. Ein solches Feedback sollte nicht zum Ziel haben, deinen Mitarbeiter in eine von dir gemachte Schablone zu pressen, statt Anpassung sollte auch Initiative und eigenes Denken belohnt werden. Es ist nicht deine Aufgabe deine Mitarbeiter zu anderen Menschen zu machen, sondern ihre Stärken zu erkennen und passend einzusetzen. Jeder einzelne sollte ermutigt werden, seine besonderen Talente und Potenziale einzubringen. Du wirst dich wundern, was alles in deinen Mitarbeitern steckt!

Über die Stimmung bei deinem Team hinaus kann eine „Entmündigungsbürokratie“ mit starren Regelungen und Kontrollroutinen auch hinderlich für die Dynamik und Innovationskraft deines Unternehmens sein. Neues Denken geschieht schlechter in alten Räumen und gewohnte Wege lassen sich ohne Mündigkeit und Eigenverantwortung kaum verlassen.

Fazit

Bedeutet das jetzt, du solltest bei deinem Team sofort alle Zügel fallen lassen? Ist Führung unnötig? Natürlich nicht! In sozialen Strukturen und Interaktionen zwischen Erwachsenen bilden sich auch immer Führungsstrukturen heraus. Ohne ein geordneter Rahmen würde weder unsere Gesellschaft noch ein Unternehmen funktionieren. Ermöglichende Führung bedeutet, das Freiheitspotenzial eines Mitarbeiters zu erkennen und seine Handlungen darauf anzupassen, um jedem Mitarbeiter die gewünschte Handlungsfreiheit zu ermöglichen. Manche einer wünscht sich Führung für eine gewisse Orientierung, ein andere arbeitet besser frei und braucht die Eigenverantwortung für eine Zufriedenheit im Job. Es ist deine Aufgabe als Führungskraft diese Wünsche deiner Teammitglieder zu erkennen und im unternehmerischen Rahmen umzusetzen.

Ein Beispiel für eine solche Führungskraft ist Frank Appel, der Leiter der Deutschen Post. Er hält sich lieber zurück aus dem Rampenlicht, beschreibt seine Aufgabe als Diener des Unternehmens. Das Büro seines Vorgängers ließ er verkleinern und statt teurer Gemälde hängen nun selbstgemalte Bilder von Mitarbeiterkindern an den Wänden. Von seinen Führungskräften verlangt er Postheroiker zu sein, keine Helden, kein Ego, keine Mikropolitik, sondern ein Zusammenwirken für das Unternehmen. Dienen eben.

Dr. Jessica Lange über TeamPilot
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Dr. Jessica Lange (TeamPilot Beraternetzwerk)